Regie und Produktionsdramaturgie
für Musiktheater

Studieren an der HfM Hanns Eisler Berlin

Musiktheater ist Werkstatt, ist Forschung, ist Zukunft

Martin Luther hat seine 95 Thesen der Überlieferung nach am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen. Dieses Ereignis gilt seit jeher als Beginn der Reformation. Sich mit Martin Luther gleichzusetzen, wäre mehr als nur vermessen und vollkommen deplatziert, jedoch wollen wir – die neue Interims-Doppelspitze der Studienfächer Musiktheaterregie und Produktionsdramaturgie Prof. Corinna von Rad und Paul-Georg Dittrich – den vergangenen symbolischen Akt assimilieren und einen Geist des Aufbruchs heraufbeschwören, indem wir unsere Eisler-Thesen sinnbildlich an die Häuserfassade der Charlottenstraße 55 in Berlin plakatieren.

 

Wir verstehen unsere Thesen als Leitmotive, Impulse, aber auch als Gesprächsanlässe. Das ist erst der Anfang.

 

Eisler-Thesen

1. Wir verschreiben uns der Gegenwart. Jedoch verwehren wir uns nicht dem Blick zurück nach vorn.

 

2. Theater hat viele Wohnungen wie unsere Gesellschaft auch. Das strenge Entweder- oder ist uns im Theater, in den Künsten, vor allem aber in der Lehre fremd. Wir streben eine Lehr- und Arbeitsweise an, die wir als „modulares Komponieren“ bezeichnen würden. Werke, egal ob Dramen, Opern oder Prosastoffe; verschiedene Ästhetiken, unterschiedliche Spielweisen, mannigfache Perspektiven etc. sind bei uns ständig in Bewegung und folgen nicht zwingend einer festgelegten Form.

 

3. Theater ist Werkstatt. Theater ist Forschung. Theater ist Zukunft.

 

4. Das Herz und zugleich das Gesicht nach Außen sind unsere Studierenden. Ihn die besten Bedingungen für die Lehre zu schaffen, ist für uns tägliche Priorität. Wir lernen genauso von ihnen, wie sie von uns.

 

5. Die Studiengänge Musiktheaterregie und Produktionsdramaturgie sollen ein Ort für Dialog sein. Ein Zuhause für werdende Künstler:innen, die sie auch als Aktivist:innen verstehen. Lasst uns eindeutig Stellung(en) beziehen und den Lärm der Welt versuchen zu fassen. Denn nur so können wir unsere Kunst, das Theater retten: diesen verletzlichen und nachdenklichen Ort, an dem wir gemeinsam auf der Suche sind nach Gemeinschaft und Schönheit.

 

6. Anspruch und Entertainment schließen sich nicht aus.

 

7. Demokratie ist ein Gespräch. Es gibt eine Vielzahl legitimer Stimmen. Zuhören ist eine Qualität, die Wir kultivieren. Wir sind keine Echokammer der immer gleichen Gedanken.

 

8. Alles ist Material. Proben sind ein Prozess, den wir radikal und zugleich achtsam gestalten wollen.

 

9. Das Studium muss ein Schutzraum sein. Scheitern verstehen wir als Chance.

 

10. Theater und somit auch das Studium muss Ort des Widerspruchs sein.

 

Man kann sich nicht oft genug die Frage stellen, unter welchen Bedingungen Fantasie und Kreativität wachsen. Nicht nur im Theater, auch in der Forschung, Ausbildung, in Schulen, Hochschulen und Akademien, überall, wo gemeinsam etwas entstehen soll. Es braucht eine gewisse Angstfreiheit und Courage bei jenen, die den Kreativen ihre Arbeit ermöglichen. Wer ängstlich auf mögliche Probleme schaut, wer die Einwände derer schon im Kopf hat, die das Gewohnte einfordern, wird den nötigen Mut nicht aufbringen, der Fantasie freien Lauf zu lassen. Es braucht auch eine grundsätzliche Bereitschaft, nicht sofort zu werten bei allem, was entsteht. Kreativ werden Menschen, wenn sie spielen können, nicht nur als Kinder, auch als Erwachsene. Mit einem Wort: ein angstfreier Raum ist das Fundament eines jeden Studierenden. Es muss der individuelle Mut der jeweiligen studierenden Person zum Experimentieren mit allen nur erdenklichen Mitteln gefördert werden. Dabei muss jedes Scheitern auch als Chance begriffen werden. Bei all dem bilden das theoretische Basiswissen (Analyse von Partituren, musikgeschichtlicher Kontext, Background von Philosophie und Filmwissenschaft, dezidierte Szenenanalyse), das klassische Handwerk, die Neugierde an interdisziplinären Formen und fremden Kunstgattungen, sowie das freie gedankliche, wie auch visuelle Assoziieren, die Wiege der Berufsbilder. Es braucht Zeit, ein individuelles gesellschafts-politisches Denken zu erlangen, sich eine Kultur des Diskutierens anzueignen und psychologische Methoden und Strategien im Anleiten zu erlernen. Schlussendlich aber geht es darum, zu einer Künstlerpersönlichkeit heranzuwachsen, die im Einklang zwischen Herz und Kopf theatrale Visionen zum Leben erweckt und dadurch unsere Gegenwart befragt.

 

Prof. Corinna von Rad: “There is a crack, a crack in everything — that’s how the light gets in.” (Aus „Anthem“ von Leonard Cohen.) – Kaum eine Kunstform hat sich in den letzten Jahren so stark verändert wie das Musiktheater. Die Schönheit der Oper, die uns geprägt hat und die wir lieben, verzweigt sich heute in unterschiedlichste Formen. Sie überschreitet Sparten, verlässt vertraute Räume und sucht neue Kontexte – zwischen Schauspiel, Musik, Performance, Film und digitalen Medien. Was bedeutet also Regie/Dramaturgue heute? Gibt es noch den einen Theaterbegriff oder bewegen wir uns längst in einem Feld aus unterschiedlichen Ausdrucksweisen, Räumen und Medien? Erlebnisräume für Musik, Text, Bild und Bewegung entfernen sich zunehmend von traditionellen Theaterräumen und öffnen sich hybriden, virtuellen und digitalen Formaten. Die klassische Architektur mit Zuschauerraum, Proszenium und Bühne entspricht nicht mehr selbstverständlich den Erfahrungswelten vieler Menschen.

Wir sehen eine zentrale Aufgabe für die Hochschule: neue Formate zu erforschen, neue Aufführungsformen und Raumlösungen zu entwickeln, digitale und analoge Prozesse miteinander zu verbinden. Gleichzeitig bleibt die Auseinandersetzung mit der Tradition unverzichtbar. Der klassische Kanon trägt Widersprüche in sich – Machtstrukturen, Ausgrenzungen, historische Blindstellen. Diese zu erkennen und künstlerisch erfahrbar zu machen, ist Teil der Regie- und Dramaturgiearbeit.

Regie/Dramaturgie bedeutet für uns auch, eine eigene Haltung zu entwickeln. Handwerk zu erlernen – und zugleich Freiheit zu wagen. Studierende sollen in diesen Studiengängen klare Strukturen und präzise Methodik kennenlernen, aber ebenso Räume finden, in denen sie experimentieren, scheitern und neu ansetzen können. Theater ist nie abgeschlossen. Es bleibt Prozess.

In einer Zeit, in der vieles auseinanderzudriften scheint, kann Theater – und damit auch Regie/Dramaturgie – ein Ort der Aufmerksamkeit und der Begegnung sein. Zuhören, Differenzenaushalten, Unterschiedlichkeit in einen gemeinsamen Rahmen bringen: Diese Fähigkeiten sind künstlerisch wie gesellschaftlich relevant. Regie ist nicht nur Organisation von Szenen, sondern Gestaltung von Beziehungen – zwischen Text und Körper, Klang und Raum, Individuum und Ensemble, Bühne und Publikum.“

 

Prof. Paul-Georg Dittrich: Wir sind überzeugt, dass Kunst nur in steter, unerschrockener Erneuerung bestehen kann. Das Festhalten an überkommenen Strukturen, verstaubten Sichtweisen und einem Publikum, das Kunst als Statussymbol nutzt, führt unweigerlich zu ihrem Aussterben. Nur wenn wir Theater von Image und Gestus eines veralteten Genres befreien, eröffnen sich neue und vor allem zeitgemäße Perspektiven. Das Theater von heute braucht daher ein neues ästhetisches, konzeptionelles und gesellschaftliches Re-Setting der Rezeption. Und dies wiederum gelingt nur, wenn man Theater als ein Ort für Vielfalt und Schönheit, für Komik und Tragik, für Literatur, Musik, für vielfältige Geschichten und Perspektiven und vor allem Grenzerfahrung, für Heterotopien und Pop versteht. Ein Raum, der das Hier und Jetzt im Blick behält. Ein Möglichkeitsort. Das Theater der Zukunft soll ein unprätentiöser und niedrigschwelliger Ort für alle sein. Es zeigt nicht vom Elfenbeinturm hinab, kreist nicht um sich selbst, hat nicht bereits alle Antworten parat. Wer stets schon weiß, wie das perfekte Theater auszusehen hat, ist nicht mehr offen für Neues. Theater muss als Seismograph des Realen ständig in Bewegung sein, so wie die Welt selbst, deren Spiegelund Sprachrohr es ist.“

 

Mit dem Leitungswechsel ab dem SoSe26 beginnt etwas Neues. Die kommende Zeit wird der Studiengang gemeinsam getragen – im Dialog, im Austausch, im produktiven Widerstreit unterschiedlicher Perspektiven. Gerade in dieser gemeinsamen Leitung liegt eine Haltung: Regie ist kein monologischer Akt. Sie entsteht im Gespräch, im Aushandeln, im gemeinsamen Denken und Gestalten.

 

Unter dem Motto: (Musik-)Theater ist Werkstatt. (Musik-)Theater ist Forschung. (Musik)Theater ist Zukunft – wird der Neustart der beiden Studiengänge im Sommersemester 26 eingeläutet. Dabei begreift sich die Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin, im speziellen die beiden Studiengänge Musiktheaterregie und Produktionsdramaturgie, zukünftig als ein multiperspektivisches Labor für die Verknüpfung von künstlerischer Praxis, klassischem Handwerk, mannigfachen Spielformen und technischer Innovation – ein Raum, in dem darstellende, digitale und hybride Theaterformen der Vergangenheit und Gegenwart nicht nur gedacht, sondern praktisch erprobt und weiterentwickelt werden: als Ort des Experimentierens, des kritischen Hinterfragens und des kreativen Fortschritts.

 

Vielleicht hatte Leonard Cohen recht: Wir müssen die Lücke suchen, den Riss, durch den neues Licht fällt. Genau dort, im Unfertigen, im Fragilen, im Offenen, entsteht künstlerische Zukunft.

 

Wir laden Sie ein, diesen neuen Raum mit uns zu betreten – mit Neugier, mit Zweifel, mit Mut. Möge dieses Studium ein inspirierender und schöner Ort sein, an dem Sie Ihre eigene Sprache als Regisser:in/Dramaturg:in entwickeln, Ihre ästhetische Haltung schärfen und sowohl alte wie auch neue Formen des Musiktheaters erproben.

 

Denn durch jeden Riss fällt Licht. Und in diesem Licht beginnt etwas Neues.

 

Prof. Corinna von Rad & Paul-Georg Dittrich

(Interims)Studiengangsleitung der Studiengänge Regie/Produktionsdramaturgie für Musiktheater

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